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CHRONOLOGIE: Gießener Allgemeine vom 04.03.2003

"Nicht ergebnisoffen und voll auf RMV-Linie"

Grüne aus Hungen und Wölfersheim üben Kritik am ETC-Gutachten zur Horlofftalbahn - "Politisch zur Wehr setzen"

    Hungen (pm). Als "nicht ergebnisoffen und voll auf RMV-Linie" haben die Grünen aus Hungen und Wölfersheim in einer Pressemitteilung das ETC-Gutachen zur Horlofftalbahn bezeichnet. Wie berichtet, empfiehlt die Studie die Stilllegung der Schienenstrecke auf dem Abschnitt Hungen-Wölfersheim. Die Grünen merken an, dass das eigentliche Gutachten der Berliner ETC Transport Consultants Gmbh noch niemandem vorliege, doch leider werde schon auf Grund des Fazits der Gutachter "Politik für die Stilllegungsvariante" gemacht.

    Dreh- und Angelpunkt der Diskussion um die Teilstillegung ist nach Aussagen der Grünen die Frage, ob die Linie 31 (wie alle anderen hessischen Nahverkehrs-Linien) zum so genannten Grundnetz gehört. Diese Frage sei für die Finanzierung zentral wichtig und gleichzeitig politisch höchst umstritten. Die ETC-Gutachter hätten sich leider ohne Zögern der Interpretation des RMV angeschlossen, nach der die Strecke nicht zum Grundnetz gehört. Aus dieser Grundannahme ergebe sich der Rest des Gutachtens dann fast zwangsläufig: Nahezu der gesamte Schienenverkehr auf dieser Strecke muss von den Kreisen bezahlt werden, und auch für Investitionen müssen diese millionenschwere Zuschüsse leisten. Gälten solche Umstände für andere Nebenstrecken in Hessen, wäre so gut wie keine dieser Strecken mehr zu halten.

    RMV-Geschäftsführer Sparmann habe bei der Gutachtenpräsentation zum wiederholten Male darauf hingewiesen, dass die Strecke "Beienheim-Hungern" bei der Untersuchung zum Grundnetz auf Bundesebene herausgefallen sei. Dagegen argumentieren die Grünen, dass diese Entscheidung nur auf Grund einer willkürlichen Verkürzung der Gesamtstrecke "Friedberg-Hungen" auf die Teilstrecke "Beienheim-Hungen" zustande kam. Man werde nicht hinnehmen, dass zuerst eine Bahnlinie willkürlich verkürzt betrachtet werde, dadurch ein unverhältnismäßig schlechtes Reisendenergebnis zustande komme, und dieses fragwürdige Ergebnis dann letztlich der entscheidende Grund dafür sei, dass diese Strecke gekappt werden soll. "Es muss für diese Willkür Verantwortliche geben - und diese müssen sich jetzt ihrer Verantwortung stellen. Wenn schon bei den Berechnungen zum Grundnetz falsch gerechnet wurde, dann war es Pflicht des RMV und des Landes Hessen, dagegen zu protestieren." Aus diesem Versagen beider erwächst nach Auffassung der Grünen die moralische Pflicht, die derart benachteiligte Strecke solidarisch zu unterstützen.

    Der zweite eklatante Punkt der ETC-Empfehlung seien "die extrem anmutenden Instandhaltungskosten" von knapp zehn Millionen Euro für den Abschnitt Wölfersheim-Hungen. Während im Frühjahr 2001 der fünf Kilometer lange Abschnitt zwischen Beienheim und Wölfersheim mit einem Aufwand von knapp 2,5 Millionen Mark grundsaniert worden sei, solle der etwa 12 Kilometer lange Abschnitt bis Hungen jetzt mehr als das Dreifache kosten.

    Nach Ansicht der Grünen kann von einem "ergebnisoffenen" Gutachten nicht die Rede sein. Den Gutachtern sei nämlich, vermutlich vom RMV, genau vorgegeben worden, dass der RMV nicht mehr als 450 000 Euro zahle; zudem sei mit dem höchsten Betriebskilometerpreis gerechnet worden (die Gutachter sprachen von 12 Euro), und es seien die zu untersuchenden Varianten vorgegeben worden, bei denen es sich (bis auf die Variante von ProBahn&Bus) um die gleichen handele, die der RMV bereits im letzten Frühjahr als Denkmodelle vorgelegt haben. Eigene Varianten hätten die Gutachter somit erst gar nicht ermittelt. "Bei diesen Vorgaben konnte als Empfehlung nur die Kappungsvariante herauskommen", schreiben die Grünen, die der ETC-Empfehlung mangelnde Praxiskenntnis vorwerfen.

    Den Gutachtern sei bei der Präsentation am Donnerstag nicht bekannt gewesen, dass Wölfersheim in einer anderen Tarifwabe liege als Beienheim und Dorheim. Dennoch empfehlen sie elf oder zwölf durchgebundene Züge von Wölfersheim nach Friedberg, zeitlich versetzt zum Niddaer Streckenast. Dies bedeute für Dorheim und Beienheim automatisch eine erhebliche Attraktivitätssteigerung: 50 Prozent mehr Züge im Vergleich zu heute - zum Nulltarif. "Da außerdem die Fahrkarten von dort um eine Preisstufe billiger seien als von Wölfersheim aus, werde die Abwanderung Richtung Beienheim/Dorheim noch massiver sein als sie seit dem durch den RMV zum 15. Dezember 2002 verschlechterten Fahrplan ohnehin schon ist", prognostizieren die Grünen. Ergebnis sei die Ausblutung des Restastes bis Wölfersheim.

    Die Grünen kommen zu folgendem Fazit: "In der Zusammenfassung ihrer Empfehlung kommt die ETC zum Schluss, dass das Angebot in Teilen unattraktiver wird, dass daher mit leichten Fahrgastverlusten zu rechnen ist und dass - paradoxerweise - die beiden Kreise dafür (und das ist kein Faschingsscherz!) mehr zahlen müssen als heute. Somit läuft der Rat der Gutachter darauf hinaus, einen in ihren Augen nicht entwicklungsfähigen Nahverkehr in der Region Hungen-Wölfersheim auf schlechtem Niveau einzufrieren und damit faktisch aufzugeben. Sie eröffnen damit eine Perspektive, die auf keinen Fall hinzunehmen ist und gegen die sich die gewählten Mandatsträgerinnen und -träger in den betroffenen Orten und Landkreisen politisch zur Wehr setzen müssen."
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