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CHRONOLOGIE: Gießener Allgemeine vom 01.03.2003

Für Horlofftalbahn erneut schlechte Prognose

Gutachter halten Weiterbetrieb des Schienenverkehrs zwischen Wölfersheim und Hungen für völlig unwirtschaftlich

    Hungen/Friedberg (dö). Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Ähnlich wie vor drei Jahren DE Consult hat nun - wie gestern kurz berichtet - das Berliner Büro ETC für die Bahnstrecke 31 zwischen Wölfersheim und Hungen eine vernichtende Prognose abgegeben. Am Donnerstag nahmen Kommunalpolitiker das Resultat zur Kenntnis, gestern wurde die Studie in einer Pressekonferenz in Friedberg vorgestellt. Investitionen von mindestens 6,7 Millionen Euro binnen der nächsten ein bis zwei Jahre wären nach Ansicht der Gutachter notwendig, um den Betrieb auf der Strecke ohne Einschränkung (Langsamfahrabschnitte) aufrechterhalten zu können. Zusätzlich müssten, um die Zahl der Bahnbenutzer zwischen Beienheim und Hungen von derzeit gut 600 Personen (mit jeweils zwei Fahrten) auf 780 zu erhöhen, die Verkehrsgesellschaften der Kreise Gießen und Wetterau ihren jährlichen Betriebskostenzuschuss von derzeit insgesamt 200000 Euro auf 1,7 Millionen Euro steigern. "Auch aus unserer Sicht ist es schade um die Strecke", betonte Gutachter Hinrich Brummer. Für den öffentlichen Personennahverkehr könne jedoch mehr erreicht werden, wenn die Bahnstrecke stillgelegt und statt dessen das Busnetz ausgeweitet würde.

    Seit mehr als zwölf Jahren wird um den Fortbestand des westlichen Teils der 1897 eröffneten zweigeteilten Strecke gerungen. Im Gegensatz zur von Beienheim nach Nidda abzweigenden Strecke ist der Ast Richtung Hungen schon seit längerer Zeit ausgesprochen unrentabel. Lediglich sieben bis acht Prozent der Betriebskosten werden durch Fahrerlöse erwirtschaftet; im Gutachten wurde von "fiktiven zwölf Pro-zent" ausgegangen, wie Brummer betonte. Nach seinen Berechnungen wird sich auch künftig der Deckungsgrad der Betriebsausgaben durch den Fahrkartenverkauf kaum erhöhen lassen. 1988 empfahl das Schienenverkehrsgutachten die Herausnahme der Strecke aus dem Grundnetz der hessischen Eisenbahnen, ein Jahr später verlor sie ihre zuvor erhebliche Bedeutung im Güterverkehr (Braunkohle, Landhandel, Holz, Zuckerrüben, Schrott). Schon 1983 war der Fahrplan für den Personenverkehr "total ausgedünnt" worden, wie der Geschäftsführer der Wetterauer Verkehrsgesellschaft, Erhard Weigel, in der gestrigen Pressekonferenz in Erinnerung rief. An diesem Punkt setzen die Gegner der Streckenstilllegung an. Sie werfen den verantwortlichen Politikern vor, in dieser Phase nicht rechtzeitig reagiert und die Herausnahme der Strecke aus dem Grundnetz "verschlafen" zu haben.

    Für die Zukunft der Strecke ist in der Tat genau dieser Punkt von entscheidender Bedeutung. 700.000 Euro jährlich zahlte der Bund bis zum Ende des Fahrplanjahres 2002 zu den Betriebskosten der Linie 31 zwischen Friedberg und Hungen hinzu, seither entfällt dieser Anteil und wird auch künftig nicht mehr gezahlt, weil die Strecke im Grundnetz nicht mehr enthalten ist. Vier verschiedene Vorschläge für die Fortführung des Bahnbetriebs lagen dem Berliner Büro zur Überprüfung vor. "Variante Hungen 1" sieht 17,5 Zugpaare im Stundentakt zwischen Beienheim und Hungen vor mit Verstärkungen in den verkehrsstarken Zeiten sowie eine Erhöhung der Zahl der Busfahrten (Linie 720) zwischen Hungen und Wölfersheim von derzeit 15 auf 21,5 Paare. Gegenüber dem Status quo (1,62 Millionen Euro) würden bei diesem Modell die Betriebskosten für die Strecke Friedberg-Hungen insgesamt erheblich auf 2,44 Millionen Euro steigen; etwa die Hälfte entfiele allein auf den Abschnitt zwischen Beienheim und Hungen. Der Zuschussbedarf der Landkreise Gießen und Wetterau oder ihrer Verkehrsgesellschaften wurde sich sprunghaft auf 1,7 Millionen Euro erhöhen.

    "Variante Hungen 2" basiert auf dem Beibehalt der vorhandenen 15 Zugpaare, Taktlücken am Vormittag werden in Kauf genommen, die Zahl der Buspaare wird auf 20,5 erhöht. Dies würde die Betriebskosten gegenüber Variante 1 auf 2,07 Millionen Euro senken, den Zuschuss der Kreise/Verkehrsgesellschaften dementsprechend auf 1,37 Millionen Euro.

    Die "Variante Pro Bahn & Bus", die der Fahrgastverband vor Monaten in die Diskussion gebracht hat, entspricht nach Einschätzung der Gutachter im Wesentlichen der früheren Variante 3. Sie geht aus von zwölf Zugpaaren zwischen Beienheim und Hungen im Zwei-Stunden-Takt und 15 Buspaaren zwischen Hungen und Friedberg (Linie 720) und würde das aktuelle Angebot festschreiben mit Betriebskosten von 1,52 Millionen Euro und Kreis-Zuschüssen von 0,95 Millionen Euro. Am vielversprechendsten aus Sicht der Gutachter ist die "Variante Wölfersheim Plus Bus". Sie sieht 11,5 Zugpaare zwischen Beienheim und Wölfersheim-Södel vor, die morgens und nachmittags im Stundentakt fahren sollen, dazu 20 Buspaare zwischen Hungen und Wölfersheim oder Friedberg auf der Linie 720 und zwei Paare zwischen Hungen und Echzell (als Zubringer zu StadtExpress-Zügen von und nach Frankfurt) auf der Linie 722. Bei Betriebskosten von 0,73 Millionen Euro würde der Zuschuss der Landkreise auf dem derzeitigen Niveau (0,2 Millionen Euro) eingefroren. Ihre Empfehlung bauen die Gutachter darauf auf und ergänzen einige Verbesserungen, wodurch die Betriebskosten ebenso wie die Kreiszuschüsse um 30000 Euro steigen würden.

    Die Aufsichtsräte sind jetzt am Zuge
    Am 4. April endet die im Herbst für die Strecke Beienheim-Hungen vom BMV zugestandene Verlängerung. Sollten bis dahin keine Zusatzbestellungen durch die Verkehrsgesellschaften erfolgt sein, bekräftigte RMV-Pressesprecher Peter Vollmer, müsse "nach der reinen Lehre" der Betrieb auf dieser Strecke am 5. April eingestellt werden. Beschließen darüber müssten die Aufsichtsräte der beiden betroffenen Verkehrsgesellschaften VVG (am 11. März) und des WVG (am 17. März). VVG-Geschäftsführer Wilfrid Venerius kann sich allerdings auch vorstellen, dass das Gremium die Entscheidung an den Kreis verweist. Der müsse schließlich für etwaige zusätzliche Kosten geradestehen. "Für alle Fälle" hat Vollmer die DB-Netz und die Hessische Landesbahn schon vorgewarnt, dass Zusatzbestellungen für die Strecke Beienheim-Hungen möglicherweise sehr kurzfristig nachgereicht werden könnten.
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