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CHRONOLOGIE: Gießener Allgemeine vom 07.02.2003

"Ohne Modernisierung ist die Strecke verloren"

Über 300 Besucher bei Informationsveranstaltung "Rettet die Horlofftalbahn" - Podium ohne Vertreter des RMV

    Hungen (us). Was muss zuerst da sein? Die Fahrgäste oder ein attraktives Nahverkehrsangebot? Die über 300 Besucher der Informationsveranstaltung "Rettet die Horlofftalbahn" waren sich am Donnerstagabend mit Petra Becker, der Vorsitzenden des Fahrgastverbandes Pro Bahn & Bus einig: "Ohne Modernisierung ist die Strecke verloren." Auch die Teilnehmer auf dem Podium in der Stadthalle plädierten allesamt für den Erhalt der "Horlofftalbahn". Rede und Antwort standen Verkehrsdezernentin Dietlinde Elies, Bürgermeister Klaus Peter Weber, Stadtverordnetenvorsteher Reinhold Fritz, Gewerbevereinsvorsitzender Horst Reichhardt, der Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Gießen (VVG) Wilfrid Venerius und Petra Becker, die Vorsitzende des Fahrgastverbandes Pro Bahn & Bus. Die Gesprächsleitung hatte der Journalist Erhard Goltze. Nicht vertreten war der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV), in dessen Aufsichtsrat die Entscheidung über die bedrohte Schienenanbindung letztendlich fällt. RMV-Geschäftsführer Volker Sparmann will sich erst öffentlich äußern, wenn ein "ergebnisoffenes Gutachten" zur Horlofftalbahn vorliegt. Das wird voraussichtlich Ende Februar der Fall sein.

    Das vitale Interesse der Stadt Hungen am Erhalt der Strecke machte Gewerbevereinsvorsitzender Reichhardt kurz und knapp deutlich. "Wir brauchen Kaufkraft. Dafür brauchen wir Einwohner. Und dafür brauchen wir einen attraktiven Standort." Nach Erhebungen des Gewerbevereins arbeiten allein 600 Menschen aus der Großgemeinde Hungen in Frankfurt, weitere 150 in Bad Nauheim und Friedberg. Rechne man Arbeitnehmer aus anderen Ostkreis-Kommunen hinzu, habe die Horlofftalbahn ein Potenzial von allein über 1000 Berufspendlern, rechnete Reichhardt vor.

    Doch genau da liegt die Crux: Viele nehmen den Zug nicht. "Was wir brauchen, sind Fahrgäste", sagte VVG-Geschäftsführer Venerius, der mit provokanten Fragen ("Zeigen Sie mir doch mal ihre Bahnfahrkarte!") das Auditorium gegen sich aufbrachte. Dass die Horlofftalbahn - Maximalgeschwindigkeit 60 km/h, zweimal umsteigen bis Frankfurt - nicht gerade attraktiv ist, räumte er ein. Die Frage, ob zuerst die Nachfrage kommen müsse oder die Investition, ließ er allerdings offen. Er mutmaßte, dass die Züge auch nach dem 4. April noch fahren werden. Die Zeit zwischen Vorlage des Gutachtens Ende Februar und dem Stichtag sei zu kurz, um die Züge durch ein adäquates Busangebot zu ersetzen.

    Einen schmalen Silberstreif am Horizont konnte Verkehrsdezernentin Elies vermelden. Sparmann habe sich in einem Schreiben an das Bundesverkehrsministerium für eine Wiederaufnahme der Horlofftalbahn ins Grundnetz eingesetzt. Die sei Voraussetzung für die Unterstützung durch Bund und Bahn AG. "Wenn wir das nicht schaffen, bekommen wir Schwierigkeiten", sagte Elies. Es wäre allerdings abstrus, die Strecke jetzt stillzulegen, und in ein paar Jahren, wenn der prognostizierte Verkehrsinfarkt auf der A 5 eingetreten sei, in dann verrottetem Zustand zu reaktivieren.

    Pro-Bahn-&-Bus-Vorsitzende Becker sowie der Wölfersheimer Grünen-Politiker Michael Rückel, der sich in der Diskussion zu Wort meldete, sehen in der Wiederaufnahme ins Grundnetz nicht den alles entscheidenden Punkt. Das Land habe schon Bahnstrecken erhalten, die wesentlich weniger Fahrgäste als die Horlofftalbahn gehabt hätten. Auch Rückel sprach von einer "genuin politischen Entscheidung". Sein Rezept: Man nehme die 450.000 Euro, die der RMV für die Rumpfstrecke zwischen Wölfersheim und Friedberg angeboten habe und kratze weitere gut 400.000 Euro mit vereinten Kräften zusammen (Vorschlag: 100.000 Euro VVG, 200.000 Euro WVG, 10.000 Euro Wölfersheim sowie ein Beitrag der finanziell angeschlagenen Stadt Hungen). Mit dieser Summe könne der Verkehr in der bisherigen Form aufrechterhalten werden. Wenn man dann auch noch eine langfristige Bestellgarantie übernehme, zahle die DB Regio auch die Sanierung der veralteten Gleise. Sowohl Rückel als auch Becker warfen den betroffenen Kommunen und dem Landkreis Gießen vor, sich nicht mit der erforderlichen Vehemenz für den Erhalt der Strecke eingesetzt zu haben - ein Vorwurf, den Elies und Weber entschieden zurückwiesen.

    Für die Stadt Hungen machten Bürgermeister und Stadtverordnetenvorsteher deutlich, dass die Stadt angesichts der angespannten Haushaltslage kaum Möglichkeiten habe, einen finanziellen Beitrag zum Betrieb der Horlofftalbahn zu leisten. Weber verwies allerdings auf die geplante Umgestaltung des Bahnhofs mit einem Investitionsvolumen von 8,3 Millionen Mark.

    In der Diskussion wurde vielfach Kritik am Verhalten des RMV laut. Der Verbund verweigere sich in arroganter Manier der Debatte vor Ort, monierte der Bellersheimer Pfarrer Johannes Fritzsche. Als unzureichend wurde das bestehende Angebot empfunden: geschlossene Wartehallen, Bahnhöfe ohne Querungsmöglichkeiten für Rollstuhlfahrer oder Eltern mit Kinderwagen, ein Zugangebot, das immer mehr beschnitten werde und eine miserable Vernetzung machten das Umsteigen auf den ÖPNV nicht gerade verlockend. Insofern sei es eine "Frechheit", die Nicht-Nutzer für die Stilllegung verantwortlich zu machen, lautete ein Vorwurf an die Adresse Venerius'.

    Letztendlich blieben viele Fragen offen: Soll man versuchen, durch eine Fahrt ins Wiesbadener Verkehrsministerium auf die Landesregierung Einfluss auszuüben, wie Stadträtin Andrea Krüger vorschlug? Brächte die Wiederaufnahme ins Grundnetz den entscheidenden Durchbruch? Spielt der RMV-Aufsichtsrat die alles entscheidende Rolle? "Es sieht so aus, als ob wir uns noch einmal treffen müssen", schlussfolgerte Moderator Goltze. "Und dann mit einem Vertreter des RMV."
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