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CHRONOLOGIE: Presseerklärung der Hungener und Wölfersheimer Grünen-Fraktionen

Pressemitteilung

Gutachter empfehlen schlechteren Verkehr, Fahrgastverluste und mehr Kosten für die Kreise

    Hungen / Wölfersheim, den 01.03.2003

    Hungener und Wölfersheimer GRÜNE bezeichnen die Empfehlung der ETC zur Bahnstrecke 31 als praxisfremd und schädlich für den Nahverkehr in der Region

    Noch liegt das eigentliche Gutachten der ETC (Transport Consultants GmbH, Berlin) zur Zukunft der Schienenstrecke 31 offiziell niemandem vor - und doch wird leider schon auf Grund des Fazits der Gutachter und deren Empfehlung in der Presse 'Politik für die Stilllegungsvariante' gemacht. Die Fraktionen der GRÜNEN in den betroffenen Orten Hungen und Wölfersheim bedauern dies und haben sich deshalb entschlossen, umgehend öffentlich auf die Empfehlung der Gutachter zu reagieren. Sie bezeichnen die Arbeit der Gutachter als - im Gegensatz zur erklärten Absicht der Auftraggeber RMV und WVG - nicht ergebnisoffen und sehen das Ergebnis voll auf RMV-Linie.

    Dreh-und Angelpunkt der Diskussion um die Teilstillegung ist die Frage, ob die Linie 31 (wie alle anderen hessischen Nahverkehrs-Linien) zum so genannten Grundnetz gehört. Diese Frage ist für die Finanzierung zentral wichtig und gleichzeitig politisch höchst umstritten. Die ETC-Gutachter schließen sich hier leider ohne Zögern der Interpretation des RMV an, nach der die Strecke nicht zum Grundnetz gehört. Aus dieser Grundannahme ergibt sich der Rest des Gutachtens dann fast zwangsläufig: Nahezu der gesamte Schienenverkehr auf dieser Strecke muss von den Kreisen bezahlt werden und auch für Investitionen müssen diese millionenschwere Zuschüsse leisten. Gälten solche Umstände für andere Nebenstrecken in Hessen, wäre so gut wie keine dieser Strecken mehr zu halten.

    Zum wiederholten Male hat RMV-Geschäftsführer Sparmann bei der Gutachtenpräsentation darauf hingewiesen, dass die Strecke "Beienheim- Hungen" bei der Untersuchung zum Grundnetz auf Bundesebene heraus gefallen sei. Dagegen argumentieren die GRÜNEN, dass diese Entscheidung nur auf Grund einer willkürlichen Verkürzung der Gesamtstrecke "Friedberg-Hungen" auf die Teilstrecke "Beienheim- Hungen" zustande kam. Selbst das ETC-Gutachten spricht von der Strecke Friedberg-Beienheim-Hungen und nicht von Beienheim- Hungen! Als Politiker vor Ort werden die GRÜNEN nicht hinnehmen, dass zuerst eine Bahnlinie willkürlich verkürzt betrachtet wird, dadurch ein unverhältnismäßig schlechtes Reisendenergebnis zustande kommt und dieses fragwürdige Ergebnis dann letztlich der entscheidende Grund dafür ist, dass diese Strecke gekappt werden soll. Es muss für diese Willkür Verantwortliche geben - und diese müssen sich jetzt ihrer Verantwortung stellen. Wenn schon bei den Berechnungen zum Grundnetz falsch gerechnet wurde, dann war es Pflicht des RMV und des Landes Hessen, dagegen zu protestieren. Aus diesem Versagen beider erwächst nach Auffassung der GRÜNEN die moralische Pflicht, die derart benachteiligte Strecke solidarisch zu unterstützen. Dieses Verständnis von Solidarität steht somit in direktem Gegensatz zur Position des RMV, nach der der Weiterbetrieb der Gesamtstrecke der ‚Solidargemeinschaft RMV nicht länger zuzumuten sei'.

    Der zweite eklatante Punkt der ETC-Empfehlung sind die extrem anmutenden Instandhaltungskosten von knapp 10 Mill. € für den Abschnitt Wölfersheim-Hungen. Während im Frühjahr 2001 der 5 km lange Abschnitt zwischen Beienheim und Wölfersheim mit einem Aufwand von knapp 2,5 Mill. DM grundsaniert wurde, soll der ca. 12 km lange Abschnitt bis Hungen jetzt mehr als das Dreifache (!) kosten.

    Drittens kritisieren die GRÜNEN, dass von der proklamierten Ergebnisoffenheit des ETC-Gutachtens keine Rede sein kann. Der ETC war nämlich - vermutlich vom RMV - genau vorgegeben, dass der RMV nicht mehr als 450.000 € zahlt; zudem wurde mit dem höchsten Betriebskilometerpreis gerechnet (die Gutachter sprachen von 12 Euro) und es wurden die zu untersuchenden Varianten vorgegeben, bei denen es sich (bis auf die Variante von ProBahn&Bus) um die gleichen handelte, die der RMV bereits im letzten Frühjahr als Denkmodelle vorlegte. Eigene Varianten haben die Gutachter somit erst gar nicht ermittelt. Bei diesen Vorgaben konnte als Empfehlung nur die Kappungsvariante heraus kommen.

    Viertens mangelt es der ETC-Empfehlung an Praxiskenntnis. Würde sie umgesetzt, dann gingen noch weit mehr Fahrgäste verloren, als sie ohnehin schon selbst prognostiziert. Bei der Präsentation am Donnerstag war den Gutachtern auf Nachfrage nicht bekannt, dass Wölfersheim in einer anderen Tarifwabe liegt als Beienheim und Dorheim. Dennoch empfehlen sie 11/12 durchgebundene Züge von Wölfersheim nach Friedberg, zeitlich versetzt zum Niddaer Streckenast. Dies bedeutet für Dorheim und Beienheim automatisch eine erhebliche Attraktivitätssteigerung: 50% mehr Züge im Vergleich zu heute - zum Nulltarif. Da außerdem die Fahrkarten von dort um eine Preisstufe billiger sind als von Wölfersheim aus, wird die Abwanderung Richtung Beienheim/Dorheim noch massiver sein als sie seit dem durch den RMV zum 15. Dezember 2002 verschlechterten Fahrplan ohnehin schon ist. Ergebnis ist die Ausblutung des Restastes bis Wölfersheim. Des Weiteren erreichen die versetzt fahrenden Züge zum Teil genau die IC-Anschlüsse, die nur noch gegen Aufpreis benutzt werden dürfen. Damit empfehlen die Gutachter genau das, was seitens des RMV durch Drehen des gemeinsamen Nidda/Hungener Fahrplans im Dezember letzten Jahres vermieden werden sollte.

    In der Zusammenfassung ihrer Empfehlung kommt die ETC zum Schluss, dass das Angebot in Teilen unattraktiver wird, dass daher mit leichten Fahrgastverlusten zu rechnen ist und dass - paradoxerweise - die beiden Kreise dafür (und das ist kein Faschingsscherz!) mehr zahlen müssen als heute. Somit läuft der Rat der Gutachter darauf hinaus, einen in ihren Augen nicht entwicklungsfähigen Nahverkehr in der Region Hungen-Wölfersheim auf schlechtem Niveau einzufrieren und damit faktisch aufzugeben. Sie eröffnen damit eine Perspektive, die auf keinen Fall hinzunehmen ist und gegen die sich die gewählten Mandatsträgerinnen und -träger in den betroffenen Orten und Landkreisen politisch zur Wehr setzen müssen.
Veröffentlichung in der Gießener Allgemeinen »  

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